Einst selbst Flüchtling: Shams Ul-Haq kam 1990 aus Pakistan nach Bad Marienberg

 Einst selbst Flüchtling: Shams Ul-Haq kam 1990 aus Pakistan nach Bad Marienberg

Bad Marienberg. Shams Ul-Haq steigt aus dem Auto aus, und man merkt sofort, dass er hier zu Hause ist. Hier, das ist in Bad Marienberg. Und hier im Schulzentrum ist der Ort, an dem er vor 25 Jahren in Deutschland Fuß fasste.

Zurück in Bad Marienberg: Shams Ul-Haq besucht häufig Freunde im Westerwald. Der Mann, der 1990 aus Pakistan kam, hilft heute Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden

Zurück in Bad Marienberg: Shams Ul-Haq besucht häufig Freunde im Westerwald. Der Mann, der 1990 aus Pakistan kam, hilft heute Flüchtlingen, sich in Deutschland zurechtzufinden
Foto: Markus Kratzer

„In diesem Gebäude bin ich damals zur Schule gegangen, hier war unser Klassenraum, dort drüben war das Lehrerzimmer.“ Der 40-Jährige erinnert sich genau. Beim Zuhören fällt auf, dass die Erinnerungen an seine Zeit im Westerwald noch sehr lebendig sind. „Der Westerwald ist meine Heimat. Das merke ich je- des Mal, wenn ich über die Autobahn nach Köln fahre“, bekennt der gebürtige Pakistani mit indischen Wurzeln.

15 Jahre verbrachte er in Bad Marienberg, hier wurde er erwachsen, hierhin kehrt er immer wieder gern zurück. Doch der Reihe nach: Ebenso wie seine Schulzeit ist Ul-Haq auch der Tag noch präsent, an dem er Anfang 1990 nach Bad Marienberg kam. Zusammen mit drei Cousins hatte er damals das Abenteuer auf sich genommen, und war mit Hilfe einer Schleußerorganisation von Pakistan nach Deutschland ge- langt. „Zuvor war meiner Tante die Flucht gelungen, und sie fand damals in Bad Marienberg eine neue Bleibe.“ Ul-Haq deutet auf das Haus in der Nassauischen Straße, das auch für ihn zum Zufluchtsort werden sollte. Menschen im Westerwald sind ihm ans Herz gewachsen.

Wenn er erzählt, begleitet eine große Dankbarkeit seine Worte. Viele Menschen in der Kurstadt sind ihm in dieser Zeit ans Herz gewachsen. Seine Lehrerin oder auch der Nachbar, der einen kleinen Laden betrieb. „An Herrn Otto erinnere ich mich noch sehr gut. Ich habe ihm geholfen, habe die Straße ge- kehrt oder für ihn eingekauft.“ Der ältere Mann prägt Ul-Haq, verändert sein Bild von den Deutschen. „Natürlich war ich damals skeptisch. Ich wusste damals schon, dass man im Ausland die Deutschen sehr oft mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringt. Aber Herr Otto hat mir vieles erklärt.“ Oft sitzen die beiden Anfang der 90er-Jahre zusammen, der ehemalige Soldat und der Flüchtlingsjunge. „Wenn Herr Otto vom Krieg erzählt hat, musste ich manchmal sogar weinen. Ich habe gespürt, dass die Deutschen warmherzig und menschlich sind.“

Die Eindrücke von damals bewegen Shams Ul-Haq heute noch. Dabei macht er gar nicht den Eindruck, dass er sich mit Vorliebe Gefühlsduseleien hingibt. Er ist eher der pragmatische Typ, einer der quer- denken kann, einer der anpackt. Und angepackt hat er, schon lange bevor er in den Westerwald kam. Um sich die Schule in Indien leisten zu können, zog er mit einem mobilen Stand von Bushaltestelle zu Bushaltestelle und verkaufte indisches Essen. Dieser Pioniergeist öffnete ihm auch in Deutschland so manche Tür. Denn die Auflistung der Tätigkeiten, die der heutige Journalist ausgeübt hat, würde je- de Bewerbungsmappe aus den Nähten platzen lassen. In der Bismarckstraße jobbte er als Schüler in einem Obstladen, er fuhr Taxi, arbeitete nach seinem Schulabschluss als Schweißer. Später übte er eine Tätigkeit bei einer Autovermietung, in einem Detektivbüro und in der Mobilfunkbranche aus. Und immer schickte er Geld zu seiner Familie nach Pakistan.

Auch Prominente aus der Showbranche, wie hier Thomas Gottschalk, gehören zu den Gesprächs- partnern von Shams Ul-Haq.

Auch Prominente aus der Showbranche, wie hier Thomas Gottschalk, gehören zu den Gesprächs- partnern von Shams Ul-Haq.
Foto: privat

Kontakte sind Shams Ul-Haq wichtig, früher wie heute. In Bad Marienberg hat er damals als Fremder viel Gastfreundschaft er- fahren. „Wir haben mit Nachbarn und Freunden deutsch-pakistanisch gekocht, wir waren im Wildpark unterwegs oder im Kurpark, und natürlich ging es am Wochenende nach Norken in die Diskothek“, berichtet er eigentlich von ganz normalen Aktivitäten eines jungen Menschen, die aber für ihn doch so neu waren. „Das alles hat mir sehr viel Hemmungen genommen, hat mir Kraft und Motivation gegeben.“

Längst wohnt der 40- jährige nicht mehr im Westerwald, ist ins Rhein-Main-Gebiet gezogen. Doch von der Gastfreundschaft, mit der er damals empfangen wurde, zehrt er noch heute. Diese Gastfreundschaft spürt Shams Ul-Haq immer noch. „Die Deutschen sind keine schlechten Menschen, sonst würden sie nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen“, bricht er eine Lanze für seine „Landsleute“, deren Staatsangehörigkeit er seit 2001 besitzt. Dass es in der Bevölkerung Vorbehalte gibt, kann er sogar nachvollziehen. „Es geht hier natürlich auch um Steuergelder und um die Frage, ob die Situation finanziell zu verkraften ist. Wer ,Ausländer raus‘ ruft, ist nicht zwingend ein Nazi, man muss da auch Verständnis haben“, so sein Appell. „Bekloppte gibt es überall“, will er auch nicht die Augen vor einigen unschönen Ereig nissen verschließen.

An der positiven Grundeinstellung ändert das für ihn aber nichts: „Noch einmal: Wenn es in Deutschland keine Menschlichkeit gäbe, würde man keine 800 000 Menschen und mehr aufnehmen.“ Versäumnisse sieht Ul-Haq des- halb weniger in der Gesellschaft, als vielmehr in der Politik. „Man muss miteinander reden, darf den anderen nicht verabscheuen“, for- dert er. Er selbst sei auch beruflich häufig in Berlin und spreche mit den Menschen. Dies sei das A und O des Umgangs miteinander. Doch in seinen Augen klärt die Politik die Menschen viel zu wenig auf über die Frauen und Männer, die Zuflucht suchen, ihre Ängste, ihre Sorgen. Ihm selbst, dem Flüchtling von einst, liegt das Schicksal derer, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen, sehr am Herzen.

Politische Unterredung mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Der gebürtige Pakistani arbeitet heute als Journalist.

Politische Unterredung mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Der gebürtige Pakistani arbeitet heute als Journalist.
Foto: privat

Deshalb war es für ihn auch keine Frage, dass er im Frankfurter Haupt- bahnhof am Bahnsteig wartete, als die ersten Züge mit Asylbewerbern einfuhren. Doch Shams Ul-Haq steht keinesfalls nur am Rande. „Ich bin ein Vermittler zwischen den Flüchtlingen und den Behörden. Ich war selbst mal in dieser Si- tuation, und in Bad Marienberg ist es im Winter richtig richtig kalt“, schmunzelt er. So hilft er den Men- schen aus Pakistan, Indien oder auch Afghanistan bei Behördengängen, übersetzt für sie bei An- hörungen, ist Wegbegleiter bei Asylverfahren. Auch bei der Kreisverwaltung in Montabaur kennt man den 40-Jährigen.

Es ist nicht zuletzt die Nähe zu seiner „zweiten Heimat“, die ihn auch regel- mäßig in die Westerwälder Kreisstadt führt. „Dies ist mein Land, hier habe ich etwas erreicht“ „Wir müssen Brücken bauen, die Menschen in dieser schwierigen Situation unterstützen“, so sein Credo.

Auf die Frage, warum er sich so engagiert, bleibt er die Antwort nicht lange schuldig. „Ich möchte etwas zurückgeben. Das ist mein Land, hier habe ich meinen Schulabschluss gemacht, hier habe etwas erreicht.“ Shams Ul-Haq hat sich mit seinem Engagement mittlerweile einen Namen gemacht. Der Auslän- derbeirat der Stadt, in der er heute lebt, konsultiert ihn regelmäßig, über Mundpropaganda erreichen ihn Hilfsanfragen von Flüchtlingen. Bereitwillig begleitet er sie auf die Ämter. „Früher war ich sehr skeptisch gegenüber Behörden, heute weiß ich, dass die Beamten, die den Flüchtlingen und Asylbewerbern gegenübersitzen, auch nur ihre Pflicht tun. Ihnen sind die Hände gebunden, weil die gesetz- lichen Regelungen so sind, wie sie sind“, stellt er fast schon ernüchternd fest.

Eine Nüchternheit, die Ul-Haq eigentlich in der Haltung der Behörden kritisiert. „Ein kleines Lächeln in einem Gespräch kann schon vieles verändern“, bringt er auf den Punkt, was er im Umgang oftmals vermisst. Der Journalist kennt beide Seiten nur zu gut. Das merkt man während des gesamten Gesprächs. Und so fällt ihm auch ein gut gemeinter Ratschlag für die Deutschen und die Migranten nicht schwer. „Den Menschen hier kann ich nur emp fehlen, auf die Flüchtlinge zuzugehen und mit ihnen zu reden. Das erleichtert deren Lage erheblich.“

Viele Asylbewerber haben in seinen Augen das Problem, dass ihnen die deutsche Mentalität fremd ist, dass sie Regeln nicht kennen und eigentlich nicht wissen, wie sie sich hier verhalten sollen. „Da sind große Hemmungen vorhanden, und oft liegen die Ursachen dafür auch in traumatischen Erlebnissen in ihrer Heimat, die sie noch nicht verarbeitet haben.“ Deshalb sind für den gebürtigen Pakistani neben Sprachkursen auch Kontakte mit der deutschen Bevölkerung ein Türöffner, um hier Fuß zu fassen. Aber Ul-Haq nimmt die Asylbewerber auch in die Pflicht: „Mein Wunsch ist es, dass alle Migranten sich hier an die Gesetze halten, sich in die Gesellschaft einbringen und Deutschland danken. Wer sich nicht an Gesetze hält, kann hier auch keine Heimat finden. Der soll nach Hause gehen.

Fachmann für Terrorismus und Migrationsfragen: Shams Ul-Haq berichtet aus Krisengebieten

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